Antje Brockmüller

TRADITIONELLE CHINESISCHE PULSDIAGNOSTIK

Eine Annäherung

 

1) Bedeutung

Gemäß der traditionellen Quellen liefert die Untersuchung der Pulse ungefähr ein Drittel der diagnostischen Maßstäbe für eine richtige TCM-Syndrom-Differenzierung. Pulsdiagnose wird traditionell als eine von vier Methoden angesehen, um eine korrekte Diagnose zu erstellen. Gemeint sind in der Reihenfolge der ihnen zugesprochenen Wichtigkeit die Methoden Sehen, Hören und Riechen*, Fragen und Fühlen.

Die Tatsache, daß "Sehen, Hören, Riechen und Fragen" als wichtiger erachtet werden, sollte jedoch nicht dazu verleiten, das Erfassen der Pulse zu vernachlässigen, denn es kann sehr detaillierte Informationen geben zum einen über den Zustand der inneren Organe, zum anderen über die Verfassung der sogenannten "Vitalen Substanzen" (Qi, Blut-Xue, Essenz-Jing und Körperflüssigkeiten-Jin-ye) und von Yin und Yang als grundlegenden Prinzipien.

2. Geschichtliche Zusammenfassung.

Die frühesten vorhandenen Beschreibungen des Pulsetastens sind im Nei Jing, dem "Inneren Klassiker des Gelben Kaisers", enthalten. Der andere sehr frühe Text, der sich auf das Pulsetasten bezieht, ist das Nan Jing, geschrieben im 2. Jh. westlicher Zeitrechnung. Sowohl das Nei Jing als auch das Nan Jing betonen die Gesamtaussage der Pulse, wenngleich sich im Nei Jing eine kurze Bezugnahme auf die verschiedenen Positionen auf der Radialisarterie findet und deren Verhältnis zu den inneren Organen, so, wie man sie heutzutage üblicherweise verwendet.

Das älteste, noch erhaltene Buch, welches sich ausschließlich der Erforschung der Pulse widmet, ist das Mai Jing ("Klassiker des Pulses"), geschrieben 280 n. u. Z. von Wang Shu-he, dem leitenden Arzt des privaten medizinischen Zentrums der königlichen Familie. Das Mai Jing wurde im Folgenden die wesentlichste Grundlage des Erlernens von Pulsuntersuchung in Theorie und Technik für die Mehrheit aller bedeutenden Ärzte in China, die in den folgenden Jahrhunderten lebten.

Alles, was nach dem Mai Jing über Pulse geschrieben wurde, kann man letztlich als Kommentare bezeichnen.

Ein sehr wesentlicher Kommentar wurde im 5. Jhdt u. Z. geschrieben. Es handelt sich um ein Lied oder Gedicht von Cui Jia-yan, speziell verfaßt, um auswendig gelernt zu werden, sozusagen als Lernhilfe für Studierende der chinesischen Medizin. Es war das Lehrwerk, das von Li Shi-Zhen's Vater Li Yan-wen herangezogen wurde, um seinen Sohn zu unterrichten. Li Shi-zhen wiederum ließ die Gedanken einfließen in seine "Einfachen Erklärungen der Pulsstudien des Binhu-Sees", Bin-Hu-Mai-Xue, und machte sie dadurch unsterblich.

Li Shi-zhen lebte in der Mitte der Ming-Dynastie und verfaßte im Jahre 1564 u. Z. seine Pulsstudien als eine Beschreibung von 27 Pulsarten ebenfalls in Versform. Heutzutage gilt dieses Buch neben dem Mai Jing noch immer als das wesentlichste Richtlinienwerk für Lernende wie für Ausübende der chinesischen Medizin.

Anzahl der Pulsbilder

Manche modernen Texte sprechen von 27 Pulsqualitäten, während andere 28 erwähnen. Bei einem Rückblick auf die verschiedenen Zeitalter stellt sich heraus, daß unterschiedliche Texte in ihren Zahlenangaben zu den Pulsbildern zum Teil deutlich voneinander abweichen. Der Grund dafür ist weniger der, daß es zwischen den einzelnen Autoren Unstimmigkeiten gegeben hätte bezüglich der Bedeutung jeweiliger Pulsbilder. Vielmehr empfand mancher der Gelehrten bestimmte Kombinationen von Pulsbildern als so bedeutsam, daß diesen eigene Bezeichnungen verliehen wurden.

Pulsstellen nach Li Shi-zhen ( Bin Hu-Mai-Xue - "Einfache Erklärungen der Pulsstudien des Binhu-Sees", 1564 n. u. Z.)

Position links rechts

cùn Herz Lunge

guan Leber / Gallenblase Milz / Magen

chi Niere / Dünndarm / Harnblase Ming Men

 

Erläuterung zu Ming Men: Es wird übersetzt mit "Tor der Vitalität". Der Klassiker der Schwierigkeiten schreibt dazu in Kap. 36: "Die Nieren sind nicht wirklich zwei an der Zahl, da die linke Niere die eigentliche Niere ist und die rechte das Tor zur Vitalität darstellt. Das Tor der Vitalität ist die Residenz des Geistes und steht in Beziehung zum Ursprungs-Qi. Beim Mann speichert es die Essenz, bei der Frau verbindet es sich mit dem Uterus. Deshalb gibt es nur eine einzige Niere". Aus diesem Grund weist Wang Shu-he der (einen) Niere die linke und dem Ming Men die rechte proximale Pulsposition zu.

 

 

Moderne T.C.M.

Position links rechts

cùn Herz und Brustzentrum Lunge und Brustzentrum

guan Leber / Gallenblase Milz / Magen

chi Nieren und Abdomen Nieren und Abdomen

(Harnblase und Dünndarm) (Dickdarm)

 

3. Voraussetzungen bei der Therapeutin / beim Therapeuten.

Um Pulsdiagnose ausüben zu können, muß die/der Praktizierende bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Es bedarf:

- ausreichender psychischer Sensitivität, d.h. empfindsamer Fingerspitzen,*

- ausreichender mentaler Sensitivität, d.h. Konzentration,

ausreichender intellektueller Sensitivität, d.h. der Fähigkeit, zu analysieren und Synthesen zu bilden.

Darüberhinaus ist es unerläßlich, die T.C.M.-Physiologie, die sich bekanntlich von der westlichen unterscheidet wie ein Fahrrad von einer Raumfähre, sehr gut zu beherrschen.

 

4. Die Physiologie der Pulse.

Um Pulse chinesisch interpretieren zu können, ist es erforderlich, eine umfassende Vorstellung von der Physiologie und der Dynamik der Pulse zu haben, insbesondere von:

- den Dynamiken des Yang Qi,

- der Funktion des Zong Qi,

- der Funktion des Magen Qi (Wei Qi), Lungen-Qi (Fei Qi)

und Herz-Qi (Xin Qi),

- der Physiologie der Körpersäfte (Jing-luo),

- und des Xu-li (Großes Luo-Gefäß des Magens),

- des Bao Mai ( energetische Verbindung zwischen Uterus und Herz),

- der Jing-bie (Sonderleitbahnen).

Was ist gemeint, wenn von Pulsen die Rede ist?

Die chinesische Sprache verwendet für den Begriff "Pulse" das zusammengesetzte Wort Xue Mai. "Xue" bedeutet Blut, "Mai" bedeutet Gefäß, im Sinne von Leitbahn. Es existiert meines Wissens kein anderes Wort für "Pulse" als das, was auch für Blutgefäße gebräuchlich ist. Daraus läßt sich schlußfolgern, daß in der chinesischen Medizin "Pulsbetrachtung" das Gleiche ist wie "Blutgefäßbetrachtung".

Westliche Mediziner denken bei Puls grob gesprochen an Herz, Kreislauf, Blutzirkulation. Die westliche Schulmedizin kennt in diesem Zusammenhang den Pulsus parvus, den kleinen, schwachen Puls, den man kaum erspüren kann, den Pulsus durus, der für eine Hypertonie spricht (natürlich nur als Indiz und ohne Mitlieferung einer Begründung) den Pulsus mollis als Hinweis auf eine Hypotonie, den Pulsus celer, der eine warum auch immer bestehende Tachykardie anzeigt, sowie den Pulsus irregularis, von dem sich eine Herzrhythmusstörung ableiten läßt.

Chinesische Mediziner assoziieren mit Puls: Qi. Was ist Qi? Die altchinesische Bedeutung ist Dampf. Statt Dampf könnte man auch sagen: Gas oder Wind. Das heißt: "Die Pulsdiagnostik ist wie der Versuch, Wind zu fangen" (François Ramakers). Wenn man drinnen am Fenster sitzt und auf's Meer schaut - wie weiß man, ob draußen Wind ist oder nicht? Durch die Wellen bekommt man eine Ahnung, wie der Wind sich bewegt. Sie sind nicht der Wind selbst, sondern reagieren auf ihn.

Analog verhält es sich mit dem Blut. Wenn man die Wellen des Blutes erspürt, bekommt man eine Ahnung, wie das Qi sich bewegt. Pulsdiagnostik bedeutet, das Blut als beeinflußte Materie zu tasten und - als eine Leistung des Intellekts - die momentanen Eigenschaften des Qi abzuleiten.

So haben chinesische Praktiker herausgefunden, daß überall da, wo es pulsierende Arterien gibt, das Qi zu messen ist.

Chinesische Pulsdiagnostik ist also die Lehre von den Pulsationen. Es handelt sich keinesfalls um eine Blutflußanalyse, sondern um eine Qi-Analyse.

Qi ist einer der grundlegendsten Begriffe in der chinesischen Philosophie, der sich als solches nur höchst unzureichend übersetzen läßt (gelegentlich wird es versucht mit fragwürdigen Gleichsetzungen wie "Lebensenergie, Äther, Materie, materielle Kraft, Bewegungskraft" u.v.m.). Was man jedoch festhalten sollte, auch im Zusammnhang mit den Pulsen, ist, daß Qi von den Chinesen selbst, von der Klassik bis in die Moderne, immer funktional verstanden wurde: Durch sein Wirken.

Es gibt verschiedene Aspekte, unter denen man das Konzept Qi betrachten kann. Eine Möglichkeit, die sich für das Verständlichwerden der Pulsationslehre anbietet, ist die Unterteilung in Yang-Qi und Yin-Qi. Dem Yang-Qi werden u.a. die Eigenschaften wärmend, bewegend, beschleunigend, nach oben steigend, verteidigend, aktivierend, transformierend, konsolidierend zugeschrieben, während das Yin-Qi die Aufgaben

zugesprochen bekommt, zu kühlen, zu beruhigen, zu hemmen, zu verlangsamen, zu bewahren, nach unten zu sinken usw.

Um nochmals zum Bild des Windes zurückzukommen: Er bewegt, aktiviert, wühlt das Wasser auf, verursacht eine Wellenbewegung. Man kann ihm eindeutig Yang-Eigenschaften zuschreiben. Nur wenn er vorhanden ist, ist eine Reaktion des Meeres wahrnehmbar. Sind keine Wellen sichtbar, so läßt sich das Wirken von Yin, von Nicht-Wind, nur verstandesmäßig ableiten.

Ebenso verhält es sich mit den Pulsen. Man kann bei der Pulsdiagnostik nur das Yang-Qi erfassen; alle Aussagen, die über das Yin-Qi gemacht werden können, sind eine intellektuelle Leistung.

 

Was kann man tatsächlich mit den Fingerkuppen am Puls ertasten?

1. Der Puls kann nach oben kommen. Man nennt ihn dann einen oberflächlichen Puls.

2. Der Puls kann sich beschleunigen. Das ergibt einen schnellen Puls.

3. Der Puls kann sich ausdehnen, sowohl in die Länge als auch in die Breite. Er wird dann

langer Puls beziehungsweise breiter Puls genannt.

Das sind die einzigen Qualitäten, die man im Pulsbild ertasten kann!

 

 

Was hat es im Zusammenhang mit den Pulsationen mit dem Zong-Qi auf sich?

Der Begriff Zong-Qi entspringt einer Betrachtungsweise von Qi, die sich spezifisch auf den (menschlichen) lebenden Organismus bezieht. Es gibt fünf verschiedene Aspekte von Qi, die mit bestimmten Aktivitäten oder Körperteilen in Verbindung gebracht werden, die man als die fünf Hauptarten des physiologischen Qi bezeichnen könnte. Es handelt sich um das sogenannte Organ-Qi (Zang Fu Zhi Qi), das Leitbahnen-Qi (Jing Luo Zhi Qi), das Nähr-Qi (Ying Qi), das Abwehr-Qi (Wei Qi) und das Brust- und Atmungs-Qi (Zong Qi).

Sie alle entspringen dem sogenannten Aufrechten Qi (Zheng Qi), das auch Wahres Qi (Zhen Qi) genannt wird und nach traditioneller Auffasssung drei Quellen hat: Das Ursprungs-Qi (Yuan Qi), das bei der Empfängnis von beiden Eltern auf das Kind übertragen wird und seinen Sitz in den Nieren zugesprochen bekommt, das Nahrungs-Qi (Gu Qi), das aus der verdauten Nahrung gewonnen wird und das Natürliche Luft-Qi (Kong Qi), das die Lunge der eingeatmeten Luft entzieht. Im Gegensatz zu den vier anderen Hauptarten des Qi soll das Zong Qi nur zwei der drei Bestandteile des Zheng Qi enthalten, nämlich Gu Qi und Kong Qi.

Im Nei Jing steht geschrieben, daß es "sich im Brustkorb sammelt, durch die Kehle nach außen geht, mit dem Herzen und den Gefäßen Kontakt aufnimmt und die Atmung in Gang hält". Die Hauptfunktion des Zong Qi ist die Steuerung der rhythmischen Bewegung von Atmung und Herzschlag und steht somit in enger einflußnehmender Verbindung zu Lunge (Fei) und Herz (Xin).

Also sind die relative Kraft von Herzschlag und Blutbewegung vom Zong-Qi abhängig. Nicht unerwähnt bleiben soll in diesem Kontext auch, daß das Messen der Pulsationen seit Jahrhunderten überwiegend an der Arteria Radialis vorgenommen wird, welche am Handgelenk, wo die tastenden Finger aufgelegt werden, deckungsgleich mit dem Lungenmeridian verläuft.

 

Aus welchen Komponenten setzt sich der Puls als Bild zusammen?

Der Puls besteht zu etwa 1% aus einer winzigen Basallinie, dem sogenannten Nierenpuls, den man am reinsten am Punkt Ni 3 ( Tai Xi = "Großer Wildbach"), dem Yuan-Punkt (Quellenpunkt) des Nierenmeridians tasten kann.

Dieser Puls wird niemals qualifiziert. Entweder man hat ihn, oder man hat ihn nicht. Zwei Drittel des Pulses (66%) bestehen aus Magen-Qi und werden Magenpuls genannt.

In der chinesischen Medizin ist der Schrittmacher des Herzens der Magen (Wei). Vom Magen-Wei geht eines der vier sogenannten Großen Luo-Gefäße, das Große Luogefäß des Magens (Xu Li = "Leere Meile") direkt zum Herzen. Das Gefäß hat seinen Anfangspunkt in Ren 12 (Zhong Wan = "Mitte des Magens"), dem Alarmpunkt (Mu-Punkt) des Magens und des Mittleren Erwärmers und dem Hui-Punkt

(Einflußreichen Punkt) aller Yang-Organe. Hier biegt der Xu Li nach links zu MA 18 (Ru Gen = "Wurzel der Brust"), einem Punkt, der sich direkt über dem Herzen befindet. Der Xu Li ist ein asymmetrisches Gefäß und zieht bei Menschen, deren Herz rechtsseitig liegt, selbstverständlich nach rechts.

Ein Drittel des Pulses sind Ausdruck des Zong Qi: Es sind der Meister des Blutes (Xin, das Herz) und der Meister des Qi (Fei, die Lunge), die der Pulsation ihre Modulation verleihen, während man den Magenpuls als die tragende Welle oder das Fundament bezeichnen könnte.

François Ramakers sprach in diesem Zusammenhang vom Magenpuls als den tragenden Bässen einer Blaskapelle und vom Zong-Qi-Puls als der darüber liegenden Melodie. Aus diesem Drittel des Zong-Qi-Pulses* leiten sich die einzelnen Pulsbilder ab, auf die ich später näher eingehen werde. Zunächst möchte ich mich jedoch dem Magen-Puls eingehender widmen und den Puls in seiner Gesamtheit weiter betrachten.

Welche Bedeutung kommt dem Magen-Puls zu?

Der Magen-Puls gibt die Grundauskunft darüber, ob ein Puls gesund oder krank ist. Zum Beispiel kann ein Schlüpfriger Puls (Hua Mai), ein Puls, der sich anfühlt "wie eine Perle in einer Schüssel", sowohl ein Indiz für Krankheit sein (Stagnation von Schleim, Feuchtigkeit, Nahrung, Hitze*), aber auch von Gesundheit (Schwangerschaft, Zeichen von ungehindertem Qi- und Blutfluß*). Wie kann man wissen, ob ein schlüpfriger Puls bei einem gesund wirkenden Menschen gesund oder krank ist? Ein zentrierter, gefüllter Magenpuls* weist auf Gesundheit hin. Es wird gesagt "Dieser Mensch hat Magen-Qi".

 

Was ist mit Magen-Qi gemeint?

Mit Magen-Qi ist zunächst einmal eine von 11 bzw 12* Formen von Organ-Qi * gemeint. Der Magen ist für das "Empfangen" und "Reifen" der aufgenommenen Nahrung zuständig. Er wird als das wichtigste aller Yang-Organe angesehen. Man bezeichnet ihn zusammen mit der Milz (Pi) als die Wurzel des "Nach-Himmels-Qi"*, denn man spricht ihm zu, der Ursprung von allem Qi und Blut zu sein, das nach der Geburt erzeugt wird.

Mit "aufgenommener Nahrung" ist nicht nur materielle Speise gemeint, sondern alles, was einer Verdauung bedarf, ebenso wie alles, auf das ein Mensch Appetit bekommen kann, auch im übertragenen Sinne. So steht die Fülle an Magen-Qi durchaus und ausdrücklich auch für eine Fülle an Lebenslust, wobei in China traditionellerweise Essen grundsätzlich mit Freude in Verbindung gebracht wurde und wird. Man bringt das Magen-Qi keineswegs mit Kalorien, Schonkost oder Diät auf einen Nenner,, sondern damit, mit Genuß und Appetit zu essen sowie mit der Fähigkeit, auch darüber hinaus das Leben zu genießen. Dies wird als eine der wesentlichsten Voraussetzungen für Gesundheit angesehen!

Wer genießen kann, muß auch in der Lage sein zu schmecken. Für den Geschmack an sich gibt es im Chinesischen zwei Schriftzeichen: Mit dem einen wird das bezeichnet, was man mit der Nase schmeckt, mit dem anderen das, was man mit der Zunge schmeckt.

Desweiteren kennt die chinesische Diätetik zwei verschiedene Typen von Geschmacksenergetik. Zum Einen gibt es folgende Zuordnung:

Der süße Geschmack geht zur Milz, der saure Geschmack geht zur Leber, der salzige Geschmack geht zu den Nieren, der bittere Geschmack geht zum Herzen, der scharfe Geschmack geht zur Lunge.

Hier werden die schweren Substanzen (Wei) angesprochen, die herabsinken und nach innen gehen.

Zum Anderen gibt es eine Systematik, die z.B. dem salzigen Geschmack die Eigenschaft zuschreibt, harte Massen aufzuweichen oder dem sauren zu adstringieren. Hier ist vom Aroma die Rede. Es heißt: "Noch bevor man anfängt zu essen und das Aroma riecht, fängt man an zu verdauen". Dieses Aroma ist es, was im Großen Luo-Gefäß des Magens, Xu Li, fließt. Es hat mehr Yang-Qualität im Vergleich zu den Schweren Substanzen, ist mehr Qi, während die schweren Substanzen mehr Masse (Yin) sind. Über diese Verknüpfung wird deutlich, daß ein gesundes Magen-Qi nicht nur substanzielle Nahrung zu verdauen in der Lage ist. Die Fähigkeit zu wittern, spielt - im direkten wie im übertragenen Sinne - eine mindestens ebenso große Rolle: Je besser es um das Magen-Qi einer Person bestellt ist, desto weniger gerät sie in eine Situation, aufgenommene Dinge nicht verdauen zu können, weil sie diese weitgehend schon im Vorfeld als ungenießbar meidet.

Desweiteren finde ich in diesem Kontext erwähnenswert, daß die chinesische Medizin zwei Meere der Nahrung kennt, MA 36 und MA 30*, und zwar aus dem Grund, daß sie zwei verschiedene Arten von Nahrung definiert:

- Postnatale Nahrung ("Unser täglich Brot". Dieses System verwandelt auf dem Wege vom Yang Ming* zum Chong Mai* Nahrung in Blut*).

- Pränatale Nahrung (Muttermilch. Sie wird in der chinesischen Medizin als umgewandeltes menstruelles Blut verstanden. Dieses System verwandelt also Blut in Nahrung).

Taststellen für den Magenpuls.

Der Magenpuls ist, wie bereits besprochen, tragender Bestandteil des Radialis-Pulses. Um ihn jedoch in seiner Reinform zu ertasten, bieten sich einige Taststellen eher an. Schon das Nei Jing erwähnt vier unterschiedliche Taststellen für den Magen-Puls mit jeweils typischer diagnostischer Aussagekraft:

MA 9 (Renying = "Dem Menschen willkommen") der beidseitig an der Carotisarterie lokalisiert wird und dem man eine Korrespondenz mit dem linken Radialispuls zuschreibt. An diesem Punkt ist erfahrungsgemäß der Magenpuls an sich, d.h. in seiner Gesamtheit erfaßbar, und er wird auch heutzutage noch gerne differentialdiagnostisch mit dem Radialispuls verglichen, indem man am Hals wie am Handgelenk gleichzeitig tastet.

MA 30 (Qichong = "Durchdringendes Qi") der eine Aussage macht über den Zustand des pränatalen Qi.

MA 36 (Zusanli = "Drei Meilen am Fuß") der eine Aussage macht über das postnatale Qi. Er liegt über der Arteria tibialis anterior und ist sehr schwer zu ertasten*.

MA 42 (Chongyang = "Brandendes Yang") den man alternativ zu MA 36 zum Beurteilen des Zustandes des postnatalen Qi heranziehen kann. Darüberhinaus korrespondiert er den klassischen Quellen zufolge mit dem rechten Radialispuls*.

 

Welche Rolle spielen die Jing Bie (Sonderleitbahnen) in der chinesischen Pulsdiagnostik?

Die Pulse an der Radialisarterie werden gewöhnlich mit Zeige-, Mittel- und Ringfinger getastet. Was wir erhalten sollen, sind Informationen, d.h. etwas soll in uns hineingelangen; es soll gewissermaßen einen Input geben, wir wollen Kenntnis erlangen vom Wirken des Qi in unserer Patientin / unserem Patienten. Bleiben wir gedanklich im System der Jing Luo, der Hauptleitbahnen, so stehen wir alsbald vor dem Problem, daß zwar der Dickdarm-Meridian, vom Zeigefinger ausgehend, und der Drei-Erwärmer-Meridian, vom Ringfinger ausgehend, kopfwärts verlaufen, so daß hier theoretisch der Informationsfluß die gewünschte Richtung nimmt, der Perikard-Meridian jedoch vom Oberkörper zum Mittelfinger zieht, also auswärts.

Was der Verständnissuche entgegenkommt bei der Fragestellung, warum es dennoch möglich ist, auch über den Mittelfinger Informationen zur weiteren Verarbeitung in uns hineinzuleiten, ist das System der Jing Bie: Sämtliche Sonderleitbahnen verlaufen von der Peripherie, den Fingerspitzen ausgehend, nach innen und sind gekoppelt mit den Sinnesorganen. Über die Jing Bie werden wir in die Lage versetzt, tastenderweise Eindrücke von außen aufzunehmen und nach innen zu leiten. Aufgrund der Koppelung der Jing Bie auch an die weiteren Sinnesorgane empfiehlt es sich, Pulsdiagnosen in der Stille und mit geschlossenen Augen vorzunehmen, um die Reinheit der Information nicht durch hinzukommenden Wahrnehmungsballast zu trüben.

Welches sind die Eigenschaften eines gesunden Magenpulses?

Es geht bei der Beurteilung des Magenpulses nicht darum, wieviel Magen-Qi vorhanden ist (auch Menschen mit wenig Magen-Qi können sehr alt werden) sondern darum, ob das Magen-Qi zentriert ist.

Wie läßt sich praktisch herausfinden, ob das Magen-Qi zentriert ist?

Man setzt die tastenden Finger mit leichtestem Druck auf die Haut. Als nächstes geht man mit kräftigem Druck bis ganz nach unten zum Knochen. Schließlich nimmt man die Finger ein bißchen wieder zurück. Unter Zuhilfenahme des Denkvermögens findet man die Mittellinie zwischen oben und unten, die natürlich weiter nichts ist als eine Hypothese, und die sich deshalb nicht fühlen läßt. Genau dort jedoch, auf dieser gedachten Mittellinie, soll sich das Zentrum des Magen-Qi befinden, was nur in den seltensten Fällen vorkommt.

Die chinesische Medizin verwendet die Begriffe:

You Qi = (wörtlich "hat Qi") das Magen-Qi ist zentriert,

Bu Qi = (wörtlich "kein Qi) das Magen-Qi ist nicht zentriert, und das ist ein unspezfisches Indiz für Krankheit*.

Um gesund zu sein, braucht man mehr als zentriertes Magen-Qi, aber wenn man kein zentriertes Magen-Qi hat, ist man mit Sicherheit nicht gesund*.

Welche Möglichkeiten des Verhaltens hat das Magen-Qi und wie kann sich das in einem Puls widerspiegeln?

1. Das Magen-Qi kann zentriert sein, sodaß man es in der Mitte der mittleren Ebene der Guan-Position tasten kann. Die Stärke des Magen-Qi zeigt sich darin, wie weit es um dieses Zentrum herum konzentrisch erspürbar ist.

2. Das Magen-Qi wird vom Organismus zur Verteidigung gegen pathogene Faktoren verwendet. Der Magenpuls verschiebt sich, je nachdem, ob es sich um eine oberflächliche oder um eine Zang Fu-Pathologie* handelt, aus seinem Zentrum nach oben bzw. nach unten*.

3. Das Magen-Qi ist im Kampf mit pathogenen Faktoren konsumiert worden, die Erkrankung ist stärker als der Organismus. Der Magenpuls, die Trägerwelle für weitere Modulationen des Pulses, ist erschöpft und nicht mehr tastbar.

Man findet in diesem Fall die sogenannten Erschöpften Organpulse vor, die auch als die zehn Terminalpulse oder echten Eingeweidepulse bezeichnet werden.

Über die Eigenschaften eines gesunden Pulses.

In der chinesischen Medizin ist Krankheit immer Abweichung von Gesundheit. Dementsprechend sind pathologische Pulse immer Abweichungen von gesunden Pulsen.

Der gesunde Puls hat nach Auffassung der chinesischen Medizin 9 Abteilungen, der kranke hat 6 solche. Was ist mit dieser Aussage gemeint?

cùn* guan chi

shen

Magen-Qi gedachte

Mittellinie

gen

Beim gesunden Puls kann man in jeder der drei Pulspositionen cùn, guan und chi den Puls in drei Ebenen ertasten. Fühlt man einen Puls nur in zwei Ebenen, kann man Krankheit feststellen oder prognostizieren.

Das Zentrum des Magenpulses befindet sich beim gesunden Puls in der Guan-Position auf der bereits besprochenen gedachten Mittellinie. Das bedeutet jedoch nicht, daß der Magenpuls nur dort spürbar sein kann, selbst wenn er ausnahmsweise einmal zentriert sein sollte. Er kann sich, wenn er kraftvoll ist, weit darüber hinaus konzentrisch ausdehnen.

Das Zweite, was ein gesunder Puls neben einem zentrierten Magenpuls braucht, ist Shen. Shen ist in der medizinischen Tradition die einzige der Grundsubstanzen*, die allein dem Menschen zugesprochen wird: Menschliches Bewußtsein verweist auf die Gegenwart von Shen. In einer gesunden Person ist Shen die Fähigkeit, über das Instinkthafte hinauszuwachsen, sich mental, emotional und spirituell zu entwickeln.

Geist-Shen wird als eine Transformation von Essenz-Jing und Qi angesehen und gilt als die yangste, unsubstanziellste der Grundsubstanzen*.

Eine der Eigenschaften des Yang-Qi ist es, sich nach oben und außen zu bewegen, und so finden wir den Shen im gesunden Puls im Zentrum des obersten Drittels der proximalen Position (Cùn), als zartes elektrisch anmutendes Prickeln.

Abweichungen eines gesunden Shen sind der abwesende Shen, der nicht zu tasten ist und der hyperaktive Shen, der für TherapeutInnen mit guter Fingerspitzensensibilität ca. einen halben Millimeter über der Hautoberfläche der Cùn-Position als ganz feines Kribbeln zu spüren sein kann. Der Shen ist in diesem Fall "nicht verankert".

Die nächste Eigenschaft, die ein gesunder Puls braucht*, ist Gen, die Wurzel. Gen macht das eine Prozent aus dem Puls-Gesamtbild aus, das die Basallinie bildet und wird auch Nierenpuls genannt. Er wird, wie an anderer Stelle bereits erwähnt, niemals bewertet. Es geht in der präliminären Diagnose ausschließlich darum, zu ertasten, ob der Puls eine Wurzel hat oder nicht.

 

 

Wie läßt sich praktisch herausfinden, ob ein Puls Wurzel hat?

Man setzt den Ringfinger auf die distale (chi-) Position und drückt mit Kraft bis zum Knochen.

Wenn der Puls dort nicht gänzlich verschwindet, sondern ein sehr feiner Faden übrig bleibt, hat er Gen-Wurzel.

 

Was ist mit der "Wurzel" gemeint?

Mit Wurzel oder Gen ist das Yuan Qi, (Quellen-Qi) gemeint. Es ist die erste von drei Quellen des Zheng Qi (Aufrechten Qi) und wird in den Nieren bzw. im Ming Men gespeichert. Man beschreibt es als Essenz-Jing, die in Qi transformiert wurde. Anders ausgedrückt ist Yuan Qi der aktive, yange Aspekt von Jing. Das Quellen-Qi hat etliche Funktionen: Es ist die dynamische Kraft, die die funktionelle Aktivität aller Organe weckt und in Gang hält, die Umwandlung von Nahrungs-Qi (Gu Qi) in Blut-Xue und von Zong Qi in Zheng Qi unterstützt und Wärme für sämtliche Körperfunktionen bereitstellt. Außerdem ist es die Grundlage des Nieren-Qi, weswegen der Wurzelpuls auch Nierenpuls genannt wird. Der Wurzelpuls liefert eine Vorstellung davon, wieviel Reserven ein Mensch hat und somit z. B. auch davon, wie lange er auf Akupunktur positiv reagieren wird. Es läßt sich aus ihm ableiten, nach wievielen Akupunkturbehandlungen in kurzer Abfolge er eine Erholungspause brauchen wird.

Li und He.

Wenn ein Puls bereits ein zentriertes Magen-Qi, Geist-Shen und Wurzel-Gen hat, fehlen ihm immer noch zwei wesentliche Eigenschaften, um gesund zu sein: Er muß Kraft haben, überhaupt anwesend sein, eine Antwort geben, wenn man ihn befragt. Diese Eigenschaft wird auf Chinesisch Li genannt. Diese Kraft-Li muß harmonisch sein: Sie muß regelmäßig fließen, weder zu schnell, noch zu langsam. Die Harmonie eines Pulses wird He genannt.

 

Zusammenfassung zum Komplex "Gesunder Puls".

Noch bevor man beim Pulsetasten auf die Suche nach spezifischen Pulsbildern geht, sollte man sich einen Gesamteindruck darüber verschaffen, ob man es mit einem gesunden oder kranken Puls zu tun hat.

Dabei ist es sinnvoll, sich vor Augen zu halten, daß ein kranker Puls immer eine Abweichung vom gesunden Puls ist. Aus diesem Grunde muß zunächst einmal Klarheit darüber bestehen, welche Kriterien ein Puls zu erfüllen hat, um gesund zu sein.

Die Kriterien für einen gesunden Puls sind folgende:

1. Der gesunde Puls ist in drei Ebenen tastbar und zwar in jeder der drei Positionen cùn, guan und chi. Somit hat der gesunde Puls 9 Abteilungen.

2. Er muß bestimmte vitale Substanzen widerspiegeln:

- Magen-Qi (in einem zentrierten Magenpuls in der Mitte der mittleren Ebene der Guan-Position).

- Shen (durch das Vorhandensein einer Pulsation im Zentrum der obersten Ebene der Cùn-Position).

- Jing (dadurch, daß er in der untersten Ebene der Chi-Position direkt am Knochen tastbar ist, d.h. Gen, eine Wurzel, hat).

3. Der Puls muß Li, d.h. Kraft haben.

4. Er muß harmonisch sein, d.h. gleichmäßig und gemächlich fließen, er muß He aufweisen.

5. Die fünf fundamentalen Pulstypen

Die Traditionelle Chinesische Medizin unterscheidet fünf fundamentale Typen von Pulsqualitäten oder -bedingungen:

1. Den normalen Puls ( Zheng Chang Mai) der auch der gesunde Puls

(Ping Mai) genannt wird;

2. den kranken Puls (Bing Mai);

3. die seltsamen Pulse (Guai Mai) die auch die wahren Eingeweide-

pulse genannt werden (dies sind die Pulse ohne jegliches Magen-Qi);

4. die anatomisch abnormen Pulse (Fan Guan Mai);

5. die physiologisch regelwidrigen Pulse (Li Jing Mai).

Antje Brockmüller
Barnerst. 30
Naturheilpraxis im Hof
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